Heute vor fünf Jahren, am 15. Mai 2021, ist WhatsApps kontroverse neue Privacy Policy in Kraft getreten. Die Anpassung sorgte weltweit für heftige Kritik und rückte ins öffentliche Bewusstsein, wie gross das wirtschaftliche Interesse werbefinanzierter Online-Dienste an Nutzerdaten ist. Mit zunehmender Nutzungsdauer, stetig wachsenden Datenmengen und immer leistungsfähigeren KI-Systemen sind die damals geäusserten Bedenken heute noch begründeter als zuvor.
Entgegen Aussagen von Mark Zuckerberg, wonach WhatsApp trotz der Übernahme durch Facebook (heute Meta) hätte unabhängig bleiben sollen, teilt der Chat-Dienst inzwischen seit Jahren Daten seiner Nutzer mit dem Mutterkonzern. Meta wiederum kann diese Nutzerdaten gemäss der aktuellen Privacy Policy zu Marketingzwecken verwenden:
WhatsApp […] teilt auch Informationen mit [Meta-Unternehmen]. Wir können mithilfe [dieser] Informationen […] unsere Dienste bzw. ihre Angebote betreiben, bereitstellen, verbessern, verstehen, individualisieren, unterstützen und vermarkten. Dazu gehören: […] das Anzeigen von relevanten Angeboten und Werbeanzeigen in den Produkten von Meta-Unternehmen […].
– Abschnitt «So arbeiten wir mit anderen Meta-Unternehmen zusammen»
Prognosen zufolge soll Meta dieses Jahr sogar die Werbeeinnahmen von Google übertreffen und damit zum grössten digitalen Werbeunternehmen der Welt aufsteigen. Vor diesem Hintergrund wird klar, warum der US-Grosskonzern so an Nutzerdaten interessiert ist und weshalb WhatsApp im Jahr 2014 zu einem Preis von 19 Milliarden US-Dollar verkauft werden konnte.
Je mehr Meta über seine Nutzer weiss, umso zielgerichteter kann Werbung ausgespielt werden. Je zielgerichteter Werbung ausgespielt wird, desto kleiner ist der sogenannte «Streuverlust» und umso teurer lassen sich Anzeigen an Werbetreibende verkaufen. Metas Profit ist also direkt davon abhängig, wie viel das Unternehmen über seine Nutzer weiss.
Um ein möglichst vollständiges Bild der einzelnen Nutzer zu erhalten, werden Daten aus verschiedenen Quellen gesammelt, einander zugeordnet und zu detaillierten Profilen zusammengeführt. Diese Zuordnung ist einfach möglich, wenn sich Nutzer auf verschiedenen Plattformen wie Facebook, Instagram und WhatsApp mit ihrer Telefonnummer registrieren müssen und somit ihre Identität über die verschiedenen Dienste hinweg nachvollziehbar ist.
Nachrichteninhalt vs. Metadaten
WhatsApp setzt zwar Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ein, aber durch das systematische Sammeln von Metadaten lassen sich auch ohne Nachrichteninhalte detaillierte Nutzerprofile erstellen.
Metadaten (Informationen darüber, wer mit wem, wann und wo kommuniziert) ergeben bei der Nutzung von WhatsApp ein umfassendes und aufschlussreiches Beziehungsnetz («social graph»). Aus Facebook- und Instagram-Likes lassen sich nicht nur unmittelbare Interessen und Vorlieben, sondern mitunter auch persönliche Eigenschaften ableiten (z.B. Alters- und Einkommensklasse, Familienstand oder die sexuelle Orientierung).
In Kombination können die einzeln gewonnenen Informationen mit dem Beziehungsnetz und Eigenschaften von engen Kontakten abgeglichen und ergänzt werden, was zu noch tieferen Einsichten und einem noch aussagekräftigeren Gesamtbild führt. Ein Nutzerprofil als Ganzes ist mehr als die Summe seiner Teile.
Aus Datenschutz-Sicht ist derartiges User Profiling an sich schon äusserst bedenklich. Hinzu kommt, dass Nutzer immer länger auf Online-Plattformen verweilen und das analysierbare Datenvolumen mit der Zeit stetig wächst. Gleichzeitig schreitet die Entwicklung im KI-Bereich so rasant voran, dass nicht absehbar ist, welche Art von Informationen sich in Zukunft über die Nutzer herleiten lassen wird.
Auch fünf Jahre, nachdem der #DeleteWhatsAppDay als Reaktion auf WhatsApps neue Privacy Policy lanciert wurde, hat der Aktionstag nichts an Aktualität eingebüsst. Im Gegenteil: Angesichts gesellschaftlicher und technologischer Entwicklungen ist die Frage, auf welchem Geschäftsmodell ein Online-Dienst beruht, heute relevanter denn je.