In den letzten Tagen und Wochen haben zahlreiche Cyberangriffe für Schlagzeilen gesorgt. Allein in der Schweiz waren unter anderem Pensionskassen, die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) sowie das Onlinemagazin «Republik» von Angriffen betroffen. In Dänemark wurden über das zentrale Melderegister 8,8 Millionen Personendaten abgegriffen, während Hacker in Frankreich Kühlregale von rund 150 Supermärkten lahmgelegt haben. Wie kommt es zu dieser Häufung von Vorfällen?
Wer in letzter Zeit News gelesen hat, ist kaum um Meldungen von Cyberangriffen herumgekommen. Für sich genommen mögen die Fälle heutzutage kein grosses Erstaunen mehr auslösen, doch in der Gesamtschau ist bemerkenswert, wie viele Organisationen innerhalb kurzer Zeit Opfer von erfolgreich durchgeführten Angriffen geworden sind.
Hier eine nicht abschliessende Übersicht der wichtigsten Vorfälle, die sich von Ende September bis Mitte Oktober ereignet haben:
Publica, Pensionskasse des Bundes: Hacker griffen den Softwarelieferanten PK Softech mithilfe einer Schadsoftware an. Möglicherweise sind Lohn, Vorsorgeguthaben, Kontonummer, Adresse, Sozialversicherungsnummer und Angaben zu Ehepartnern abgeflossen. Auch die Pensionskasse der Stadt Zürich ist betroffen. 🔗🔗
Beyond Gravity, Schweizer Raumfahrtunternehmen: Das bundeseigene Unternehmen wurde gezielt angegriffen, vermutlich von einem hochprofessionellen Akteur. Wie die Angreifer eingedrungen sind, ist unbekannt. Offenbar sind Daten abgeflossen – welche, ist jedoch unklar. Intern wird Medienberichten zufolge China hinter dem Angriff vermutet, offiziell bestätigt ist das nicht. 🔗
Ricardo, Online-Marktplatz: Unbefugte verschafften sich über eine Sicherheitslücke Zugriff auf die Server des Online-Marktplatzes. Abgegriffen wurden Namen, Adressen und Telefonnummern von rund 890’000 Benutzerkonten. E-Mail-Adressen und Passwörter blieben geschützt. Daraufhin erhielten Kunden Phishing-Nachrichten per WhatsApp, um sie mit persönlicher Anrede und korrekter Adresse auf eine gefälschte Seite zu locken. Ob ein Zusammenhang mit dem Datenleck besteht, lässt sich nur vermuten. 🔗
Republik, Online-Magazin: Nach eigenen Angaben wurde das Magazin über eine Sicherheitslücke im Analysetool Metabase gehackt. Für die Lücke gab es seit dem 6. August 2026 ein Update, das nicht rechtzeitig eingespielt wurde. Die Angreifer erbeuteten E-Mail-Adressen, Namen und teils Telefonnummern, Geburtsjahre sowie Geschlecht der aktiven und ehemaligen Nutzer. Kreditkartendaten waren nicht betroffen. 🔗
SRG, Schweizer Radio- und Fernsehgesellschaft: Unbefugte haben Zugriff auf Daten von rund 340 aktuellen und ehemaligen Mitarbeitenden erlangt. Abgegriffen wurden Namen, Funktionsbezeichnung sowie (z.T. private) Kontaktangaben aus dem Jahr 2020. Laut SRG gibt es keine Hinweise auf eine Veröffentlichung der Daten. Auch ein Diebstahl von Passwörtern, Finanzdaten oder journalistischen Quellen ist nicht bekannt. 🔗
Das zentrale Personenregister Dänemarks (CPR): Angreifer missbrauchten die legale Schnittstelle eines privaten dänischen IT-Unternehmens, das Zugang zum Register hat. Mindestens drei Konten dieses Unternehmens verwendeten «123456» als Passwort. Gestohlen wurden rund 8,8 Millionen Datensätze. Die CPR-Nummer ist in Dänemark der universelle Schlüssel bei Behörden, Banken und Spitälern. 🔗
ASOS, ein britischer Online-Modehändler: Hacker erschlichen sich mittels Social Engineering die Zugangsdaten eines Angestellten und gelangten damit auf Plattformen von Drittanbietern. Abgegriffen wurden Namen, Adressen, Telefonnummern, E-Mail-Adressen und Suchverläufe von Millionen Kunden. Zahlungsdaten und Passwörter waren nicht betroffen. 🔗
Discord, eine Chat-Plattform: Gehackt wurde nicht Discord selbst, sondern der Sicherheitsdienst Double Counter. Die Angreifer gelangten über einen vergessenen Server in die Cloud-Infrastruktur und kaperten den Bot. Kopiert wurden teils Discord-IDs, Benutzernamen und IP-Adressen von bis zu 28 Millionen Konten sowie rund eine Million E-Mail-Adressen. 🔗
Verschiedene französische Supermarktketten: Hacker stellten in über hundert Märkten französischer Lebensmittelhändler die Kühl- und Gefrierschränke auf Auftaumodus. Der Angriff richtete sich gegen einen dänischen Software-Dienstleister, mit dem mehrere Händler arbeiten. Unzählige Lebensmittel mussten entsorgt werden. 🔗
Systematische Erhebungen bestätigen den Eindruck, dass die Anzahl von Cyberangriffen steigt. So wurden z.B. laut dem IT-Sicherheitsunternehmen Check Point im September 2026 weltweit 48% mehr Angriffsversuche verzeichnet als im Vorjahresmonat.
Zudem könnten erweiterte Meldepflichten, wie sie z.B. NIS2 und DORA in der EU vorsehen, indirekt zur Folge haben, dass betroffene Unternehmen bei einer Meldung an die Behörden aus Transparenzgründen auch gleich die Öffentlichkeit in Kenntnis setzen und sich dadurch die Medienberichte häufen.
In der Schweiz gilt seit 1. April 2025 eine gesetzliche Meldepflicht für Cyberangriffe auf kritische Infrastrukturen. Unabhängig davon, ob die Anzahl von Vorfällen tatsächlich gestiegen ist, kann die neue Meldepflicht in entsprechenden Statistiken zu einer Zunahme führen.
Eine naheliegende Vermutung ist, dass immer leistungsfähigere KI-Modelle, welche von Cyberkriminellen eingesetzt werden, für diese Zunahme an Angriffen verantwortlich sind. So hat z.B. Bill Gates kürzlich vor einer «escalation in AI-powered cyberattacks» gewarnt. Und der Schweizer Bundesrat hat in seinem «Bericht über den Einfluss von künstlicher Intelligenz in der Cybersicherheit» bereits Ende 2025 darauf hingewiesen, dass KI das Volumen an Cyberangriffen erhöhen wird.
Natürlich gilt es auch zu berücksichtigen, dass mit der voranschreitenden Digitalisierung von immer mehr Lebensbereichen eine grössere Angriffsfläche einhergeht und Angreifern daher auch immer mehr Ziele zur Verfügung stehen. Überdies gibt es nicht nur immer mehr Online-Dienste, sondern diese werden auch immer komplexer und bieten dadurch potenziell mehr Angriffsmöglichkeiten.
Insbesondere können empfindliche Abhängigkeiten entstehen, wenn Dienste auf andere – und diese ggf. wiederum auf andere – zurückgreifen. So waren z.B. die Pensionskasse des Bundes sowie die «Republik» Opfer eines so genannten «Supply-Chain-Angriffs»: Dabei steht nicht das Unternehmen direkt, sondern zunächst ein schwaches Glied in dessen IT-Lieferkette im Fokus der Hacker.
Ein zentraler Einfluss von KI in diesem Zusammenhang dürfte jedoch kaum in Frage stehen, zumal KI Angriffe einfacher, effiziente und skalierbarer macht. So beobachten wir z.B. auch bei unserem Bug-Bounty-Programm einestarke Zunahme an eingereichten Reports, die zeitlich ziemlich klar mit Fortschritten der KI-Technologie korreliert.
KI steht grundsätzlich beiden Seiten zur Verfügung, nicht nur den Angreifern. Viele Unternehmen setzen KI jedoch bloss ein, um ihre Effizienz im Tagesgeschäft zu steigern. Dadurch entsteht übrigens womöglich ein weiteres Einfallstor für Angreifer (ähnlich, wie es z.B. bei Verwendung ungeeigneter Chat-Dienste der Fall ist). KI kann hingegen auch genutzt werden, um die eigenen Systeme abzusichern. Insbesondere empfiehlt sich für Online-Dienste, professionelle Sicherheitsaudits durchführen zu lassen, welche ggf. ihrerseits auf KI-Modelle zurückgreifen, um Schwachstellen zu entdecken.
Allerdings ist auch mit den besten Sicherheitsaudits keine hundertprozentige Sicherheit garantiert – weil es sie nicht gibt. Deshalb ist die nach wie vor beste Herangehensweise, dem «Privacy by Design»-Prinzip zu folgen und von vornherein nur so viele Daten wie technisch zwingend nötig zu erheben. Denn nur dort, wo erst gar keine Daten vorhanden sind, können auch garantiert keine abgegriffen werden.
Threema lässt sich anonym, d.h. ohne die Angabe personenbezogener Daten wie einer Telefonnummer oder E-Mail-Adresse verwenden. Wie und wo sich die Datensparsamkeit sonst noch niederschlägt, ist hier nachzulesen.
Dass bei der aktuellen Welle von Cyberangriffen umfangreiche Mengen an Personendaten abgegriffen wurden, stellt eine tiefgreifende Beeinträchtigung der Privatsphäre aller Betroffenen dar. Erschwerend hinzu kommt, dass die Häufung solcher Vorfälle zu einer Normalisierung von Datenabflüssen führen und der dringend nötigen Sensibilisierung für die Wichtigkeit von Online-Privatsphäre noch entgegenwirken kann.