Anonymität auf Systemebene – der ultimative Privatsphäreschutz

Messenger führen zunehmend Benutzernamen ein, damit ihre Nutzer nicht allen Kontakten die Telefonnummer preisgeben müssen. Das ist zweifellos ein Schritt in die richtige Richtung. Für konsequenten Privatsphäreschutz reicht es jedoch nicht. Dazu muss Anonymität bereits Teil der Systemarchitektur sein.

Viele Messenger identifizieren ihre Nutzer anhand der Telefonnummer. Da Telefonnummern grundsätzlich auf die Identität ihrer Inhaber schliessen lassen, ist es jedoch nicht möglich, solche Dienste anonym zu verwenden. Doch weshalb ist das ein Nachteil? Wozu soll Anonymität überhaupt gut sein, wenn man bloss mit Freunden kommuniziert, die einen ohnehin persönlich kennen?

Um diese Fragen zu beantworten, sind zwei Arten der Anonymität zu unterscheiden:

  1. Anonymität gegenüber den Kommunikationspartnern – «horizontale Anonymität»

  2. Anonymität gegenüber dem Kommunikationsdienst – «vertikale Anonymität»

Klassische Chat-Dienste, die wie WhatsApp nachträglich Benutzernamen auf einer rufnummerbasierten Systemarchitektur einführen, gewährleisten nur die erste Ausprägung der Anonymität:

  1. Nutzer können optional einen Benutzernamen festlegen, der ihren Kontakten anstelle der Telefonnummer angezeigt wird. Das erlaubt, mit fremden Gesprächspartnern zu kommunizieren, ohne ihnen die eigene Identität zu offenbaren.

  2. Die Angabe der eigenen Telefonnummer gegenüber dem Dienstbetreiber ist jedoch für die Nutzung des Kommunikationskanals weiterhin erforderlich. Dadurch bleibt es z.B. für Meta möglich, Nutzer über verschiedene Plattformen hinweg zu identifizieren.

Anonymität auf Ebene der Kommunikationspartner ermöglicht beispielsweise, sich mit Online-Bekanntschaften auszutauschen, ohne dabei seine Identität offenzulegen. Ein weiteres Szenario könnte die Verwendung des Chat-Diensts als Whistleblowing-Kanal sein. Hier ist jedoch bereits Vorsicht geboten, sofern nicht auch vertikale Anonymität gegeben ist. Denn auch wenn sich die Identität nicht direkt erschliessen lässt, kann es prinzipiell Wege geben, sie zu ermitteln.

Horizontale Anonymität ist für bestimmte Anwendungsfälle unabdingbar, sie ist aber nicht von allgemeiner Bedeutung. Die Möglichkeit, gegenüber dem Dienstbetreiber einer Kommunikationslösung anonym zu bleiben, ist hingegen für Privatsphäre-Schutz grundsätzlich relevant.

Der Goldstandard für Online-Privatsphäre

Betreiber von werbefinanzierten Online-Diensten haben ein wirtschaftliches Interesse, möglichst viel über ihre Nutzer zu erfahren. Je mehr z.B. Meta über seine Nutzer weiss, umso zielgerichteter kann ihnen Werbung ausgespielt werden und umso teurer lassen sich Anzeigen an Werbetreibende verkaufen.

Um ein möglichst vollständiges Bild der einzelnen User zu erhalten, werden daher Daten aus verschiedenen Quellen gesammelt, einander zugeordnet und zu detaillierten Profilen zusammengeführt. Diese Zuordnung ist einfach, wenn sich Nutzer auf verschiedenen Plattformen wie WhatsApp, Instagram und Facebook mit ihrer Telefonnummer registrieren müssen.

Bei vertikaler Anonymität ist hingegen gewährleistet, dass die betreffenden Daten nicht mit Nutzerdaten aus anderen Quellen zusammengeführt und zu Werbe- oder anderen Zwecken missbraucht werden. Solange jemandes Identität unbekannt ist, kann dessen Privatsphäre nicht verletzt werden. Deshalb ist Anonymität auf Systemebene der ultimative Privatsphäreschutz – sie ist für Privatsphäre, was Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für Sicherheit ist.